Verlassene Orte – Paulusbrunn, oder: im Perlmuttdorf

Kurz hinter der deutsch-tschechischen Grenze, in der Nähe von Bernau, erstreckt sich nördlich der Straße ein jüngeres Waldgebiet. Es ist gut 70 Jahre alt, dieses Waldstück, und wenn man dort hindurch streift, findet man jede Menge überbleisel der früheren Besiedlung. Besonders auffällig sind die Unmengen an Muschelschalenstücken, die man finden kann. Und ich diesen Stücke fehlen meistens mehrere kreisrunde Teile. Der Ort hieß früher einmal Paulusbrunn (Pavlův Studenec) und war die Heimat von über 1400 Menschen. Heute erinnert nur noch der Friedhof an diese Gemeinde. Der Rest wurde irgendwann 1945 abgerissen und eingeebnet, bis nichts mehr zu sehen war. Brunnen und Keller findet man noch – Löcher im Boden, die eine Wanderung hierdurch nicht ganz ungefährlich machen. Gläser, Ton- und Porzelanscherben, Eisenteile, Schüsseln, Schalen und jede Menge Muschelstücke – Perlmutt. Alles was die Bewohner 1945 zurücklassen mussten, als sie geflohen sind. Was sie nicht tragen konnten oder nicht tragen durften. Es liegt noch hier im Waldboden versteckt.

Aber warum das ganze Perlmutt? Warum die schönen, schimmernden und glänzenden Muschelstücke? Und warum mit den Löchern? Hier im Dorf wurden Perlmuttknöpfe in Heimarbeit gefertigt und an die Knopffabriken in Bärnau geliefert. Die Muschelstücke stammen von Muscheln, die aus der Südsee und von überall auf der Erde hierher geschafft wurden. Zuerst von Hand „geerntet“, dann mit dem Schiff nach Deutschland und mit der Eisenbahn bis ins kleine Bärnau und die umliegenden Dörfer. Und nun liegen die Stücke hier am Waldboden verteilt und erzählen von einem Stück der Geschichte und dem Leben der Menschen.

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